Hegel lesen – ein Selbstversuch

»Hegels Logik lesen Ein Selbstversuch« von Patrick Eiden-Offe habe ich mir sofort nach seinem Erscheinen gekauft und beschlossen auszuprobieren, ob ich mich diesem Selbstversuch anschließen kann. Schon im August des letzten Jahres zu Hegels 250sten Geburtstag begann ich mein Verhältnis zu Hegel erneut zu reflektieren. Eiden-Offes Ansatz, Hegels Logik als Trostbuch der modernen Seele zu begreifen, fasziniert mich.

Eiden-Offe, Patrick: „Hegels Logik lesen. ein Selbstversuch“. Berlin 2021

Hegel – Die gebrochene Mitte

Meinen Zugang zu Hegel fand ich etwa zu der Zeit seines zweihundertsten Geburtstages in Heidelberg im »Sozialistischen Patientenkollektiv« SPK. Im Hegel – Arbeitskreis lasen wir »Phänomenologie des Geistes«, »Wissenschaft der Logik« Teil eins und zwei. Wir lasen und diskutierten gemeinsam ein- oder zweimal die Woche in der Gruppe und jeder für sich allein.

Ich wurde zum »Hegel – Junkie«; ich las im Bus, in der Straßenbahn, im Zug, an den Haltestellen und im Wartezimmer beim Arzt.

»Das Gesetz dagegen, welches dem Gesetze des Herzens gegenübersteht, ist vom Herzen getrennt und frei für sich. Die Menschheit, die ihm angehört, lebt nicht in der beglückenden Einheit des Gesetzes mit dem Herzen, sondern entweder in grausamer Trennung und Leiden oder wenigstens in der Entbehrung des Genusses seiner selbst bei der Befolgung des Gesetzes und in dem Mangel des Bewusstseins der eigenen Vortrefflichkeit bei der Überschreitung desselben.«

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. In 20 Bden. Auf d. Grundlage d. Werke von 1832 – 1845 neu ed. Ausg., Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1970 (Theoriewerkausgabe), Bd. 3 Phänomenologie des Geistes S. 276.

Wolfgang Huber empfahl mir den Hegel – Arbeitskreis. Wolfgang war für mich am Anfang behandelnder Arzt, dann Freund und später auch Gefährte. Das Wort Genosse möchte ich nicht mehr verwenden; ist es heute in den chinesischen Metropolen vorwiegend als Begrüßung unter Schwulen gebräuchlich. Zu keinem Zeitpunkt war ich von Huber abhängig, weder emotional noch ideologisch. Wolfgang war ein Baustein meiner Emanzipation vom Elternhaus. Mit Huber und Hegel lernte ich in Widersprüchen zu denken und mit Widersprüchen zu leben.

»Im Kampfe des Gemüts ist das einzelne Bewusstseins nur als musikalisches, abstraktes Moment; in der Arbeit und dem Genuss, als der Realisierung dieses wesenlosen Seins, kann es unmittelbar sich vergessen, und die bewusste Eigenheit in dieser Wirklichkeit wird durch das dankende Anerkennen niedergeschlagen. Dieses Niederschlagen ist aber in Wahrheit eine Rückkehr des Bewusstseins in sich selbst, und zwar in sich als die ihm wahrhafte Wirklichkeit«

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. In 20 Bden. Auf d. Grundlage d. Werke von 1832 – 1845 neu ed. Ausg., Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1970 (Theoriewerkausgabe), Bd. 3 Phänomenologie des Geistes S. 173

Wolfgang riet mir zur ergänzenden Lektüre »Hegel. Die gebrochene Mitte« von Jan van der Meulen. Mit diesem Text habilitierte sich Jan van der Meulen 1958 bei Hans-Georg Gadamer an der Philosophischen Fakultät in Heidelberg, an der er nun selbst lehrte. Huber wollte bei Van der Meulen promovieren über »Den Begriff der Grenze bei Hegel«. Jan van der Meulen nahm in der Schlussphase seiner Lehrtätigkeit in Heidelberg jedoch keine Doktoranden mehr an.

Jan van der Meulen galt als »Althegelianer« oder »Rechtshegelianer«. Otto Pöggeler, promovierte selbst mit einer Arbeit über »Hegels Kritik der Romantik« und habilitierte sich bei Gadamer mit »Hegels Jugendschriften und die Idee einer Phänomenologie des Geistes«. In seinen Erinnerungen schreibt er über Jan van der Meulen:

»Jan van der Meulen, ein Holländer, hatte im Krieg bei Heidegger studiert und wollte nach dem Krieg nach Holland zurückkehren. An der Grenze sagten die Zollbeamten: es ist alles in Ordnung, nur die Bücher – es waren solche von und über Hegel und Heidegger – die dürfen sie nicht mitnehmen. Van der Meulen hat sich für Hegel und Heidegger und gegen Holland entschieden. Er ist mit seinen Büchern zurückgefahren und hat sich dann bei Gadamer über Hegel habilitiert. Er wurde in Wiesbaden Psychiater und konnte eigentlich davon ganz gut leben, aber sein Ehrgeiz ging dahin, in Heidelberg am Philosophischen Seminar seine Philosophie vorzutragen. Nun machte er den Fehler, die Konfrontation mit den Studenten zu suchen. Er kündigte Vorlesungen mit dem Thema »Idealismus und Materialismus« an, wobei er den Idealismus zu verteidigen beabsichtigte. Die Studenten ihrerseits nahmen diese Konfrontation an: Während er las, brüllten sie – man konnte kein Wort verstehen. Das ging ein ganzes Semester lang! Die zweite Vorlesung ging dann über Sexualität. Die sexuelle Revolution war damals ja noch wichtiger als die materielle. Da wurde es noch schlimmer. Van der Meulen konnte das nicht ertragen und hat sich selbst getötet: Er ist mit seinem Auto an den Rhein gefahren und hat sich ertränkt. Wir haben das damals alle nicht verstanden.«

Quelle: (https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=2945&n=2&y=1&c=0)

DER SPIEGEL schreibt in der Ausgabe 1/1970 einen Nachruf:

Bewunderung für deutsche Art und deutsches Denken, für Hegel und Heidegger trieb den jungen Holländer Jan van der Meulen in der Nazizeit nach Deutschland. Und von der deutschen Bundestagswahl 1969 erhoffte er wieder einen Ruck nach rechts.

Denn »wenn die SPD an die Regierung kommt«, so klagte im Sommer der 52jährige, inzwischen Nervenarzt in Wiesbaden und Philosophie-Professor in Heidelberg, »dann gehe ich weg aus Deutschland«.

Einen Tag nach dem Bundes-Wahlgang ging der Professor in den Rhein. Dicht beim Loreleyfelsen, unweit von St. Goarshausen, fanden Polizeibeamte am Morgen des 30. September van der Meulens Wagen; die Leiche wurde fünfzehn Kilometer flußabwärts aus dem deutschen Strom gezogen.

Den zeitlichen und sachlichen Zusammenhang zwischen Wahlausgang und Freitod diskutierten auch van der Meulens Kollegen und Kommilitonen am Heidelberger Philosophischen Seminar. Doch zehn Wochen später war sich Heidelbergs Universitätsoberster, Rektor Werner Conze, darin sicher: Am Freitod des rechten Professors seien linke Studenten schuld.

Zwar hatte der Verstorbene letztwillig verfügt, die Universität möge »den üblichen Nachruf unterlassen«. Dennoch machte Magnifizenz Conze Mitte Dezember plötzlich offiziell kund, van der Meulen habe »nicht verwinden können«, daß Studenten seine Vorlesung behindert hätten, und sich dadurch »in seinem Recht der freien Lehre … zutiefst verletzt gefühlt«.

Noch deutlicher schrieb es van der Meulens Heidelberger Habilitationsvater, Philosophie-Professor Hans Georg Gadamer, in den beiden örtlichen Zeitungen: Den Hegelianer aus Holland, »bewußter Träger einer deutschen geistigen Tradition«, habe es »tief betroffen«, daß er »Zielscheibe gelenkter studentischer Angriffe« gewesen sei.

Gegen die Version freilich, daß van der Meulen durch gezielten studentischen Terror in den Tod getrieben worden sei, spricht vieles. Der Philosoph, dessen »Seele leibhaft hegelisch war« (Professor Gadamer über Professor van der Meulen), hatte auch private Probleme: »Gelegentlich litt er unter Depressionen und Resignation. Vielleicht fehlte ihm auch eine Frau«, erinnern sich engste Verwandte,

DER SPIEGEL Ausgabe 1/1970
AStA Info 102 9.1.1970

Ich dokumentiere das so deutlich, weil es die Atmosphäre der Zeit beschreibt, in der ich mit der Lektüre von Hegel begann, die in Zeiten von »Cancel Culture« nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Die Vorlesungen von Werner Conze besuchte ich jeden Donnerstag und meldete mich lautstark zu Wort. Eines Tages nahm Conze mich zur Seite und fragte, warum ich nie ins Seminar sondern nur zu den Vorlesungen käme. Er würde sich über meine Mitarbeit dort freuen. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich gar nicht immatrikuliert sei und eigentlich statt in der Vorlesung in der Berufsschule in der Fachklasse für Buchhändler sein müsste. Von Stund an ließ er mich nicht mehr in seinen Vorlesungen zu Wort kommen und forderte mich auf, den Hörsaal zu verlassen.