EINS

[Freitag, 13.03.2020] Traum: Mit Ramona A. bei einer Wohnzimmerlesung in Wald – Michelbach. Alle Leute zogen ihre Schuhe aus wegen der Teppiche. Als am Ende alle Leute weg waren, waren auch meine Schuhe weg. Jemand hatte sie geklaut. Ramona fuhr mich nach Hause.

Das Corona Virus Covid 19 schlägt zu. Rechtsverordnungen des Landes und der Stadt reglementieren das Leben weit in den privaten Bereich hinein. Ab Dienstag schließen die Schulen bis nach den Osterferien am 20. April; 5 Wochen Pause. Heute Mittag war ich beim Lidl Katzenfutter einkaufen; fast normaler Freitagsbetrieb, kaum Hamsterkäufe.

[Samstag, 14.03.2020] Überprüfe meine Vorräte, es reicht übers Wochenende. Bleibe zu Hause und lasse die anderen hamstern. In Bern gab es gestern im Supermarkt kein Gemüse und kein Mehl mehr.

Eine Theatermacherin zitierte im WDR – Fernsehen aus ihrem geschlossenen Haus Foucault:

»So formiert sich eine Politik der Zwänge, die am Körper arbeiten, seine Elemente, seine Gesten, seine Verhaltensweisen kalkulieren und manipulieren. Der menschliche Körper geht in eine Machtmaschinerie ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt. […] Die Disziplin fabriziert auf diese Weise unterworfene und geübte Körper, fügsame und gelehrige Körper.«

Michel Foucault: Überwachen und Strafen

Dazu bemerkt …

»Quarantäne und ähnliche Maßnahmen schränken unsere Freiheit ein, und hier brauchen wir zweifellos neue Julian Assanges, um deren möglichen Missbrauch aufzudecken. Doch die Gefahr einer Virusinfektion brachte auch einen ungeheuren Auftrieb für neue Formen lokaler und globaler Solidarität mit sich; außerdem machte sie deutlich, dass eine Kontrolle über die Macht selbst nötig ist. Die Menschen halten die Staatsmacht zu Recht für verantwortlich: Ihr habt die Macht, jetzt zeigt, was ihr könnt! Die Herausforderung für Europa besteht darin, zu beweisen, dass das, was China gemacht hat, auf transparentere und demokratischere Art zu schaffen ist.«

(Slavoj Žižek in der NZZ v.13.03.2020)

[Sonntag, 15.03.2020] Seit 4 Uhr bin ich wach. Versuche die Eindrücke und Ereignisse der letzten Tage zu begreifen. Ich schaffe es nicht. Mit Schreiben durch das Chaos. »Struktur und Widerstand«. Manchmal ist Widerstand sinnlos und endet tödlich.

Der Mandelbaum blüht, je nachdem wie der Wind bläst, fange ich an zu husten. Das ist jedes Jahr so.

Ab morgen gelten verschärfte Ausgangsbeschränkungen nur noch zwei Personen dürfen zusammen auf die Straße; es sei denn sie gehören zur Familie oder zum Haushalt.

Ab morgen ist das nicht mehr erlaubt. Einer zu viel auf der Bank.

Die Wiese

Ich werde steif wie ein Brett; falle langsam nach hinten auf eine Wiese. Kann nichts mehr bewegen außer den Augen. Rechts und links von mir schießen das Gras, Gänseblümchen und Löwenzahn in die Höhe rasend schnell, irrsinnig hoch zu einem Wald. Die Sonne über mir ganz grell. Der Himmel fast weiß. In der Ferne Polizei – Sirenen und Schüsse.

Es wird stockfinster. Jemand schlägt mir abwechselnd rechts und links auf die Wangen und singt. »Tralala, tralala.« Öffne langsam die Augen. Über mir ein Gesicht, ganz nah an meinem. Dr. G. weißes Hemd, rote Fliege, Arztkittel geöffnet schlägt mir immer noch auf die Wangen, »tralala, tralala« penetrant monotoner Gesang. »Tralala, tralala, er ist wieder da.« Neben Dr. G. steht O., die Sprechstundenhilfe, eine Cousine unserer Mutter, ihr Blick – als seien wir gerade am Weltuntergang vorbeigeschrammt. O. ist bei den »Zeugen Jehovas«. Liege auf einer Bahre im Flur der Praxis in der Bergheimer Straße, nahe am Bismarckplatz.

Schwarzer Ausschlag am ganzen Körper. Schwere toxische Hepatitis verschleppt. Opium – Experimente. Ich war Anfang zwanzig.