Wer schreibt das Drehbuch meiner Nacht?

Aufgewacht. Es ist halb vier Uhr morgens. Eine Katze kommt ans Bett, die andere ist auf nächtlicher Tour. Warum erinnere ich mich in letzter Zeit so oft an meine Träume? Sollte ich mich wieder mit Theorie beschäftigen? Aber nicht mit Freuds Traumtheorie. Georg Kleins Buch »Tagebuch schreiben« enthält einen Abschnitt über das Traumtagebuch.1 Er zitiert Walter Kempowski: »Wunderschöne Träume, aber ich war zu faul, sie aufzuschreiben, und jetzt habe ich sie vergessen.«

Ich träume vermutlich nicht häufiger als früher, wache aber öfter während oder direkt nach aktiven Schlafphasen auf und achte mehr auf meine Träume. Wer über Träume nachdenkt, darüber liest oder spricht, erinnert sich besser. Das kann sich selbst verstärken.

Das Aufschreiben von Träumen in einem Traumtagebuch ist komplizierter als das Notieren von Gedanken und Gefühlen. Träume bestehen aus komplexen Bildern, ähnlich surrealen Filmen, voller Symbole und Andeutungen. Sie spielen oft zu verschiedenen Zeiten oder vereinen symbolisch mehrere Zeiten in einem Moment. Diese Bilder und Symbole müssen zunächst in Worte gefasst werden. Um diese vieldeutigen Ereignisse auszudrücken, muss man sie in eine zeitliche Reihenfolge bringen. Die Beschreibung dieser komplexen Bilder muss so erfolgen, dass ein lesbarer und verständlicher Text entsteht, der dem ursprünglichen Traum möglichst nahe kommt.

Ein Traumtagebuch hat scheinbar nichts mit einem Arbeitsjournal zu tun. Aber auch die eigenen Träume und deren Interpretation können in verschiedenen Kontexten wahrgenommen werden. Wenn das Bewusstsein stark auf einen kreativen Prozess fokussiert ist, wird sich wahrscheinlich auch das Unbewusste mit dem Fortgang des Projekts beschäftigen.

Möglicherweise scheinen im Traum plötzlich Lösungen auf, die dem Alltagsbewusstsein verschlossen bleiben, weil die Lösungen zu komplex oder auf den ersten Blick zu unwahrscheinlich waren. Aber auch Dinge, die jemanden bedrängen, ablenken oder blockieren, kehren direkt oder indirekt im Traum wieder und erinnern daran, sich diesen Themen zuzuwenden.

Träume und Traumtagebücher sind auch deshalb interessant, weil der Traum an sich bereits ein faszinierendes Phänomen ist. Er ist wahr und nicht wahr, klar und nicht klar – und er ist vielfältig zu deuten. Er wird geträumt, aber dennoch nicht im eigentlichen Sinne vom Träumer hervorgebracht. Genauer betrachtet träumt es dem Einzelnen. Er ist weder wirklich aktiv noch rein passiv.

Das Erinnern an einen Traum stellt bereits eine gewisse Anstrengung dar, die Konzentration erfordert. Wer sich an seine Träume erinnern will, tut gut daran, Zettel und Stift am Bett zu haben und, mitten in der Nacht oder am frühen Morgen beim Erwachen, diese sofort aufzuschreiben. Träume sind der Königsweg zum Unbewussten. Über einen längeren Zeitraum notierte Traumprotokolle können jedenfalls eine faszinierende Eigendynamik entwickeln, da sie es dem Träumenden ermöglichen, wiederkehrende Motive, Personen und Zusammenhänge zu erkennen oder verdrängte oder vergessene Elemente des Lebens zu reintegrieren.

Träume widerstehen der sang- und klanglosen Anpassung an das Vorgegebene, sie enthalten nicht selten verstörende oder aufrüttelnde Aspekte. In jedem Fall fügen sie dem Leben eine neue, vertiefende Dimension hinzu. Träume sind – ebenso wie Tagebücher – für den berechnenden Verstand ziemlich unberechenbar und für das eigene Selbst voller Überraschungen. Sie halten die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens wach. Wer Träume ernst nimmt, erinnert sich besser – und arbeitet klüger.

1Klein, Olaf Georg [Verfasser und Verlag Klaus Wagenbach: Tagebuchschreiben, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2018, S. 26 ff.

Nüchtern bleiben – auch im Kopf

Es ist kurz vor sieben Uhr. Heute Morgen gehe ich zur neuen Hausärztin für einen Ultraschall des Bauchraums und ein EKG – eine Routinekontrolle. Ich muss nüchtern bleiben, sonst kann Frau Dr. S. nichts erkennen. Es ist mir ein Rätsel, warum mich das bis in meine Träume verfolgt.

Im Traum fragte mich eine Assistentin der Praxis nach meiner Verbindung zu Dr. C. B., dem früheren Praxisinhaber. Sie hatte meinen Namen auf einer alten Patientenakte entdeckt. Ich erzählte ihr, dass Dr. C. B. und ich in den ersten Gymnasialjahren Klassenkameraden waren. Er saß direkt vor mir. Sie wollte wissen, ob ich etwas mit Büchern zu tun habe, weil ich im Wartezimmer ein Buch statt eines Handys bei mir hatte. Ich erklärte, dass ich zuerst Buchdrucker, dann Buchhändler war, später im Verlag arbeitete und schließlich in der Bibliothek landete. Lesen und Schreiben sind für mich unverzichtbar. Sie meinte, dann säße ich viel. »Kommen Sie, wir machen eine kleine Übung. Beugen Sie sich nach vorn und versuchen Sie, mit den Fingerspitzen die Zehen zu berühren.« Sie machte es vor. Ich beugte mich nach vorn – und plötzlich war ich weg.

An der Riedbahnbrücke – KI generiert

Als ich wieder zu mir kam, stand ich irgendwo zwischen Klinikum Mannheim und Riedbahnbrücke auf einer Wiese am Neckar auf der Feudenheimer Seite. Die Sonne schien, es roch nach Gras. Ich hatte weder Papiere noch Geldbeutel, Mobiltelefon oder Hausschlüssel bei mir. Was mache ich zuerst? Zurück ins Klinikum? Ich glaubte, von dort zu kommen; meine Sachen müssten dort noch liegen. Oder nach Hause? In diesem Augenblick wachte ich auf. Die Katze war ins Bett gesprungen. Nüchtern bleiben – auch im Kopf.