Kreative Therapien gegen chronischen Schmerz: Das Gehirn positiv umgestalten

Lieber Max,

Forscher untersuchen, wie kreative Tätigkeiten wie Malen, Musik und Schreiben Menschen helfen können, mit Schmerzen besser umzugehen. Kreative Aktivitäten verändern das Gehirn positiv und machen es flexibler. Es kann sich besser anpassen und neu verschalten. Schmerz bewirkt das Gegenteil: Er isoliert Menschen, stört das Denken und verändert bestimmte Hirnbereiche negativ.

Wenn Kreativität das Gehirn positiv beeinflusst und Schmerz es negativ verändert, könnte man dann durch kreative Tätigkeiten die negativen Auswirkungen des Schmerzes abschwächen oder umkehren?

Wie soll das funktionieren? Das Gehirn arbeitet ständig mit Erwartungen und Vorhersagen. Kreative Tätigkeiten helfen dabei, schmerzhafte Erlebnisse neu zu bewerten. Man erlebt sie in einem anderen, weniger bedrohlichen Zusammenhang. Dabei spielen zwei Botenstoffe eine wichtige Rolle: Dopamin und Noradrenalin. Dopamin ist zuständig für Belohnung und Motivation, Noradrenalin sorgt für Aufmerksamkeit. Dopamin aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und erzeugt angenehme Empfindungen, die dem Schmerzsignal entgegenwirken, ähnlich wie ein natürliches Schmerzmittel. Der tiefere Effekt ist die sogenannte kognitive Neubewertung. Menschen verwandeln ihre schmerzhafte Erfahrung in etwas Bedeutungsvolles – zum Beispiel ein Bild, ein Lied oder einen Text. Dadurch verändert sich, wie das Gehirn den Schmerz bewertet.

Schmerz und Aufmerksamkeit beeinflussen sich gegenseitig. Wer sich auf seinen Schmerz konzentriert, nimmt ihn stärker wahr. Negative Gefühle wie Angst oder Depression verstärken den Schmerz. Chronische Schmerzen überlasten das Gehirn und lassen weniger Raum für andere Dinge. Bei mittleren Schmerzen lenken kreative Tätigkeiten die Aufmerksamkeit weg, sodass der Schmerz weniger stark wahrgenommen wird. Bei starken Schmerzen funktioniert die Ablenkung kaum noch, weil das Gehirn zu sehr mit dem Schmerz beschäftigt ist.

Was hat das mit dem Alter zu tun? Ältere Menschen denken anders als jüngere. Sie verlassen sich stärker auf Erfahrungswissen als auf schnelles, flexibles Denken. Ältere Menschen verlieren etwas an schneller geistiger Kontrolle, gewinnen aber oft an Vorwissen und Lebenserfahrung. Kreativität könnte genau das nutzen: Ältere Menschen können ihren Schmerz besser in einen größeren, sinnvollen Zusammenhang stellen.

Forscher schlagen vor, statt nur Medikamente oder reine Gesprächstherapie zu nutzen, kreatives Handeln als echte Heilungsstrategie einzusetzen. Es hilft, den Schmerz neu zu bewerten, Isolation zu reduzieren und das Gehirn positiv zu verändern.

Praktische Ansätze sehen sie darin: Achtsamkeit plus Kreativität stärken die psychische Widerstandsfähigkeit. Über Neurofeedback lernen Menschen, ihre eigene Gehirnaktivität zu steuern.

Es gibt einen Unterschied zwischen Gedankensteuerung und Neurofeedback. Bei Gedankensteuerung wäre die Idee: »Ich entscheide bewusst, was mein Gehirn gerade tut.« Das ist in dieser direkten Form meist zu simpel, weil viele Gehirnprozesse unbewusst ablaufen. Bei Feedback ist die Idee: »Ich sehe oder höre, was gerade passiert, und passe mich darauf an.« Genau so arbeitet Neurofeedback: Die Gehirnaktivität wird gemessen und sofort zurückgemeldet, damit das Gehirn durch Wiederholung lernt, bestimmte Muster öfter zu erzeugen.

Ein einfaches Beispiel: Gedankensteuerung wäre eher wie: Du versuchst direkt, deinen Puls auf Kommando zu senken. Feedback wäre eher wie: Du siehst auf einem Monitor, dass dein Puls sinkt, wenn du ruhig atmest, und lernst dadurch, diese Methode gezielt zu nutzen.

Künstlerische Therapien wie Malen, Schreiben, Musik oder Tanzen sind keine Spielerei – sie greifen nachweislich in Hirnprozesse ein. Kreatives Tun ist nicht nur »schön«, sondern kann Beschwerden lindern und Bewältigung stärken, weil es das Gehirn umbaut, den Schmerz emotional neu einordnet und Menschen hilft, vom passiven Leiden zum aktiven Ausdruck zu kommen. Die Kernbotschaft ist hoffnungsvoll: Kreativität kann ein wirksames Werkzeug gegen chronischen Schmerz sein.

Heilende Kreativität
KI-generiert

Malen, Chatten und Schreiben können wir beide. Für Singen und Tanzen bin ich zu alt, aber du kannst das.

Quelle: Khalil, Radwa, Sascha Frühholz und Marc Landry: „Pain as muse: How creative acts flourish in the shadow of struggle“, in: Neuroscience & Biobehavioral Reviews 186 (2026), S. 106650.

Tinnitus und Hörprobleme: Viele Eltern bemerken nichts

Lieber Max,

Forscher haben untersucht, wie viele Kinder Hörprobleme oder Tinnitus haben. Sie testeten 1.250 Kinder im Alter von 7 bis 17 Jahren mit speziellen Verfahren, die die Funktion der Ohren messen. Zudem befragten sie die Eltern, ob sie glauben, dass ihr Kind gut hört.

Das Ergebnis: 3 bis 5 von 100 Kindern zeigen Anzeichen von Hörproblemen. Jüngere Kinder sind häufiger betroffen als ältere, und Jungen etwas öfter als Mädchen. Etwa 5 von 100 Kindern leiden an Tinnitus. Viele Eltern bemerken nicht, dass ihr Kind schlecht hört, und ihre Einschätzungen weichen oft von den Testergebnissen ab.

Spezielle Geräte erkennen Hörprobleme bei Kindern besser als andere Methoden. OAE-Tests, also otoakustische Emissionsmessungen, prüfen, ob das Innenohr leise Schallantworten erzeugt. Dies deutet auf die Funktion der äußeren Haarzellen in der Cochlea hin. Diese objektiven, schmerzlosen Hörtests werden häufig beim Neugeborenen-Hörscreening und zur Abklärung von Hörstörungen eingesetzt.

Der Test verläuft so: Eine kleine Sonde im Gehörgang gibt einen Ton oder Klick ab und misst den zurückkommenden Schall mit einem empfindlichen Mikrofon. Ein unauffälliges Ergebnis bedeutet, dass die äußeren Haarzellen wahrscheinlich normal arbeiten. Ein auffälliges Ergebnis kann auf eine Innenohrstörung oder Probleme im Schallweg bis zum Innenohr hinweisen.

Der OAE-Test ist schnell, schmerzfrei und erfordert keine aktive Mitarbeit. Daher eignet er sich besonders für Babys und Kleinkinder, aber auch zur Verlaufskontrolle im Schulalter und bei bestimmten Hörproblemen.

Bild KI-generiert

Hörprobleme bei Kindern sind häufiger als viele denken, und viele Fälle bleiben unentdeckt, weil Eltern sie nicht bemerken. Die Forscher empfehlen daher, dass Schulen regelmäßige Hörtests anbieten, um Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn wer schlecht hört, hat es auch schwerer beim Lernen. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben schlechteren Zugang zu Hörtests und Behandlungen.

Die Studie stammt vom 25. März 2026 und wurde von der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der Medizinischen Universität Breslau in Polen durchgeführt.

Piotrowski, Jan u. a.: „Prevalence of hearing loss and tinnitus among school-age children: a cross-sectional analysis of the PICTURE cohort study“, in: Front. Public Health 14 (2026), S. 1703400. doi:10.3389/fpubh.2026.1703400 (abgerufen am 30.04.2026)