SIEBEN

[Montag, 20.04.2020] 1:25 Uhr mir ist übel. Ab heute gilt die Empfehlung Maske in der Öffentlichkeit tragen.

[Dienstag, 21.04.2020] 3:15 Uhr Fresse ausgetrocknet. Suse-Katz weckt mich.

[Mittwoch, 22.04.2020] Nacht halbwegs vertretbar.

Am Abend fast eine Stunde mit B. im Allgäu telefoniert. Sie schickte mir am Nachmittag alte Fotos aus Heddesheim. Sie scheint im Augenblick stabiler und robuster als ich; wirkt rebellischer und angriffslustig gegen den Bayerischen Politikstil.

[Donnerstag, 23.04.2020] Nacht vertretbar. Träume ja, aber alles schon wieder vergessen und weg.

Wirbelsäule – Recherche anhand von Dokumenten:

4.2.1969 Kreiswehrersatzamt Mannheim: Sie sind am 4.2.69 gemustert worden. Die Entscheidung wird ausgesetzt. Sie werden gebeten, sich sofort zur fachärztlichen Untersuchung einzufinden.

11.02.1969 Tauglichkeitsgrad U = dauernd untauglich. Wirbelsäulenveränderung. Oberregierungsmedizinalrat Dr. Nöllmayer. Eintrag im Wehrpass: Der Wehrpflichtige wird ausgemustert und unterliegt nicht der Wehrüberwachung. Koller – Oberregierungsrat.

Nachmittag: M. war einkaufen. Am Abend eine Runde mit dem kleinen Hund.

[Freitag, 24.04.2020] Am Abend mit dem kleinen Hund die große Runde durch die Kleingärten.

[Samstag, 25.04.2020] Internetrecherche zu den Folgen von Beatmung: PUBLIKATION: JAMA Insights | Clinical Update: Management of COVID-19 Re-spiratory Distress; John J. Marini, MD; Luciano Gattinoni, MD. Published Online: April 24, 2020.JAMA.2020. doi:10.1001/jama.2020.6825

[…] Unter anderem sind sie der Frage nachgegangen, warum sich der Gesundheitszustand bei manchen der beatmeten COVID-19-Patienten eher verschlechterte statt verbesserte. Sie fanden Hinweise auf den zugrundeliegenden Mechanismus, durch den die Lunge geschädigt wird. Jüngsten Daten aus italienischen Kliniken zufolge ist die Lunge bei COVID-19-Patienten in der Initialphase nicht so stark in ihrer Mechanik beeinträchtigt wie bei anderen Formen einer schweren, akuten Lungenentzündung. Da sich in der ersten Krankheitsphase deutlich weniger Flüssigkeit in der Lunge ansammelt, als dies bei einer »klassischen« Lungenentzündung der Fall ist, bleibt sie ungewöhnlich lange gut dehnbar und elastisch, so die Autoren. Von einer Standardtherapie mit frühzeitiger Intubation und Intensivbeatmung, wie sie sonst bei einer schweren Lungenentzündung angewandt wird, raten die Wissenschaftler daher in dieser Phase ab. Bei bedrohlicher Atemnot von COVID-19-Patienten empfehlen sie, zunächst durch eine angemessene Unterstützung des Gasautauschs und der Atmung, angepasst an die verschiedenen Stadien der Krankheit, dafür zu sorgen, dass die Lunge Zeit erhält, zu heilen und sich zu erholen.

John J. Marini, MD; Luciano Gattinoni, MD

[Sonntag, 26.04.2020] Nacht mäßig. Träume nicht mehr richtig präsent; Masken.

Ab morgen wird die Empfehlung zur Pflicht, Masken zu tragen beim Einkaufen und in Bussen und Bahnen. Mir macht das Maske tragen nichts aus. Vor drei Jahren habe ich angefangen, eine Maske aufzusetzen wenn ich wegen Dämpfen, Staub und Rauch Hustenanfälle bekomme. Es wird mich stören, wenn andere eine Maske aufhaben. Ich werde sie schlechter verstehen, ich kann nicht mehr von den Lippen ablesen. Die Schwerhörigkeit schlägt dann voll durch.

Von den Lippen lesen erleichtert das Leben. Fernsehgucken ohne Ton und trotzdem so gut wie alles verstehen. Bei schlecht synchronisierten Filmen einfach den Ton abdrehen und den Film in der Originalsprache von den Lippen ablesen. Ich bitte darum, Masken mit Untertiteln zu tragen. Oder macht mit mir jemand einen Fernkurs in Gebärdensprache?

Poetische Physiologie

Unsre Lippen haben oft viel Ähnlichkeit mit den beiden Irrlichtern im Märchen. Die Augen sind das höhere Geschwisterpaar der Lippen, sie schließen und öffnen eine heiligere Grotte als den Mund. Die Ohren sind die Schlange, die das begierig verschluckt, was die Irrlichter fallen lassen. Mund und Augen haben eine ähnliche Form. Die Wimpern sind die Lippen, der Apfel die Zunge und der Gaum und der Stern die Kehle. Die Nase ist die Stirn des Mundes und die Stirn die Nase der Augen. Jedes Auge hat sein Kinn am Wangenknochen.

(Novalis: Fragmente über den Menschen Menschenlehre)

SECHS

[Montag,13.04.2020] 2 Uhr ausgetrocknete Fresse. Schmerzen im Arm.

Traum: Germanistik Seminar. Der Professor stellte mir eine Frage zur Abgrenzung der Semiotik in der Sprachwissenschaft und der Medizin. »Schade um die Zeit – gehen wir doch lieber Pilze sammeln.« Ich hatte absolut keine Ahnung, auf was der hinaus wollte. Großes Gelächter im Raum. Der Professor fand meine Antwort genial. Ich hatte den Schein.

Abends mit dem großen Hund einmal um den Block, die Füße vertreten, pissen, kacken, frische Luft schnappen.

[Dienstag, 14.04.2020] M. war um die Mittagszeit einkaufen; ohne sie wäre ich auf einen obskuren Sozialdienst angewiesen. Ich weiß ihre Hilfe zu schätzen. Nachmittags die Einkaufstasche zurück gebracht.

Vielleicht hatten die französischen Intellektuellen, als sie im Nachhall vom Mai 68 in Scharen mit dem Maoismus flirteten, unwillentlich und gegen ihr eigenes Denken in einer Art Todestrieb doch recht! Sie feierten in Verblendung gegenüber den Opfern von Maos Kulturrevolution eine politische Organisationsform, die heute ihre eigenen Utopien ad acta legt und ihre Macht im Zeichen des Coronavirus mit Erfolg global entfaltet: blinder Gehorsam gegenüber dem Diktat derer, die die Maschine des Staates in Händen halten.

Genau das erproben nun in einem tragischen Crashkurs die westlichen Demokratien. Die elementarsten Rechte des einzelnen Individuums werden ausgehebelt und die drei Grundprinzipien der französischen Revolution ad absurdum geführt: Liberté, égalité, fraternité. Das letztgenannte Prinzip, die Brüderlichkeit, die Solidarität, wird eingefordert, doch die Egalité aufgehoben. Die Alten sind nicht mehr gleich wie die Jungen; man erwägt, sie zu ihrer eigenen Sicherheit aus dem öffentlichen Leben wegzusperren. Und die Liberté, die individuelle Freiheit, ist ohnehin nur noch eine Ahnung von gestern.

So werden wir alle zu «Chinesen» oder, abstrakter gesagt, zu Nietzsches «letzten Menschen».

Wir erleben jetzt, was Guy Debord, der Anführer der Pariser Situationisten, in seinem letzten Film mit dem Titel andeutete, den man von vorne nach hinten wie von hinten nach vorn lesen kann, was die gegenwärtige Sackgasse unseres Lebens illustriert: «IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI». Wir gehen im Kreis und verzehren uns im Feuer – des künftigen Konsums.

(Stefan Zweifel NZZ 14.04.2020)

[Donnerstag, 16.04.2020] 2 Uhr Magensäure randaliert; Fresse brennt. Eine Runde Iberogast. Kotz – Eimerchen ans Bett gestellt. Zwieback gegen Übelkeit. Draußen stinkt es nach Chemie. Das Suse-Katz ist unruhig und geht schließlich auf Tour.

Nachmittags katastrophal abgebaut; nach ein paar Zwieback und fast einem Liter Wasser ging es wieder.

[Freitag, 17.04.2020] M. war am Abend einkaufen. Das Wochenende ist gerettet.

[Samstag, 18.04.2020] Zur Nacht: »Schiff der Träume« von Fellini. Uralte Kassette – original mit deutschen Untertiteln. Gegen Ende eingeschlafen. Orlando und La Principessa Lherimia begleiten mich in die Träume.

La Principessa Lherimia