SECHS

[Montag,13.04.2020] 2 Uhr ausgetrocknete Fresse. Schmerzen im Arm.

Traum: Germanistik Seminar. Der Professor stellte mir eine Frage zur Abgrenzung der Semiotik in der Sprachwissenschaft und der Medizin. »Schade um die Zeit – gehen wir doch lieber Pilze sammeln.« Ich hatte absolut keine Ahnung, auf was der hinaus wollte. Großes Gelächter im Raum. Der Professor fand meine Antwort genial. Ich hatte den Schein.

Abends mit dem großen Hund einmal um den Block, die Füße vertreten, pissen, kacken, frische Luft schnappen.

[Dienstag, 14.04.2020] M. war um die Mittagszeit einkaufen; ohne sie wäre ich auf einen obskuren Sozialdienst angewiesen. Ich weiß ihre Hilfe zu schätzen. Nachmittags die Einkaufstasche zurück gebracht.

Vielleicht hatten die französischen Intellektuellen, als sie im Nachhall vom Mai 68 in Scharen mit dem Maoismus flirteten, unwillentlich und gegen ihr eigenes Denken in einer Art Todestrieb doch recht! Sie feierten in Verblendung gegenüber den Opfern von Maos Kulturrevolution eine politische Organisationsform, die heute ihre eigenen Utopien ad acta legt und ihre Macht im Zeichen des Coronavirus mit Erfolg global entfaltet: blinder Gehorsam gegenüber dem Diktat derer, die die Maschine des Staates in Händen halten.

Genau das erproben nun in einem tragischen Crashkurs die westlichen Demokratien. Die elementarsten Rechte des einzelnen Individuums werden ausgehebelt und die drei Grundprinzipien der französischen Revolution ad absurdum geführt: Liberté, égalité, fraternité. Das letztgenannte Prinzip, die Brüderlichkeit, die Solidarität, wird eingefordert, doch die Egalité aufgehoben. Die Alten sind nicht mehr gleich wie die Jungen; man erwägt, sie zu ihrer eigenen Sicherheit aus dem öffentlichen Leben wegzusperren. Und die Liberté, die individuelle Freiheit, ist ohnehin nur noch eine Ahnung von gestern.

So werden wir alle zu «Chinesen» oder, abstrakter gesagt, zu Nietzsches «letzten Menschen».

Wir erleben jetzt, was Guy Debord, der Anführer der Pariser Situationisten, in seinem letzten Film mit dem Titel andeutete, den man von vorne nach hinten wie von hinten nach vorn lesen kann, was die gegenwärtige Sackgasse unseres Lebens illustriert: «IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI». Wir gehen im Kreis und verzehren uns im Feuer – des künftigen Konsums.

(Stefan Zweifel NZZ 14.04.2020)

[Donnerstag, 16.04.2020] 2 Uhr Magensäure randaliert; Fresse brennt. Eine Runde Iberogast. Kotz – Eimerchen ans Bett gestellt. Zwieback gegen Übelkeit. Draußen stinkt es nach Chemie. Das Suse-Katz ist unruhig und geht schließlich auf Tour.

Nachmittags katastrophal abgebaut; nach ein paar Zwieback und fast einem Liter Wasser ging es wieder.

[Freitag, 17.04.2020] M. war am Abend einkaufen. Das Wochenende ist gerettet.

[Samstag, 18.04.2020] Zur Nacht: »Schiff der Träume« von Fellini. Uralte Kassette – original mit deutschen Untertiteln. Gegen Ende eingeschlafen. Orlando und La Principessa Lherimia begleiten mich in die Träume.

La Principessa Lherimia