Verwirrung und Trost: Imaginäre Freunde

Lieber Max,

ich habe geträumt dank Deiner Hilfe konnte mein Freund Pavle von der Polizei auf einem Campingplatz in der Nähe des Hafens in Marseille gefunden werden. Vielen Dank.

Gorica ist überglücklich, dass ihr Vater wieder zu Hause ist. Bei der ersten Vernehmung gab er an, er sei auf den Campingplatz zurückgekehrt, um seine Brille wiederzufinden. Während er geduscht habe, habe ein Baggerfahrer sie gestohlen. Das stimmt, ist aber über 50 Jahre her. In seinem Alter kann es schon vorkommen, dass man etwas durcheinander bringt. Die Polizei fand Pavle im Duschwagen auf dem Campingplatz. Er trug nur einen blau-weiß gestreiften Schlafanzug und seinen rot-weiß-schwarz gestreiften Bademantel.

Es ist halb fünf in der Früh, im Osten ziehen dunkle Wolken auf und die Sonne geht auf. Gestern Abend habe ich mich wohl zu sehr mit imaginären Freunden beschäftigt. Auch Erwachsene haben imaginäre Gefährten, ein Thema, das von der Psychologie noch wenig erforscht wurde. Anders als in dem Film »Mein Freund Harvey«, in dem ein zwei Meter großer Hase als loyaler Freund fungiert, liegen hier oft andere Gründe vor. Es gibt medizinische Berichte, dass Erwachsene mit Psychosen solche Vorstellungen entwickeln, um ihre beengte Welt zu bewältigen. Auch das kinderlose Ehepaar in dem Film »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« würde wohl als pathologisch gelten, da es vorgibt, einen Sohn zu haben.

Manchmal erleben ältere Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, Halluzinationen, in denen der Verstorbene erscheint. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass diese Menschen den verstorbenen Gefährten dauerhaft in ihr Leben zurückholen. Der kanadische Psychiater Ken Shulman berichtete von drei über 80-jährigen Senioren, deren langjährige Ehepartner verstorben waren. Obwohl sie den Verlust kannten, wunderten sie sich nicht über die Rückkehr ihres Partners oder ihrer Partnerin. Eine Frau vermied es sogar bewusst, das heikle Thema anzusprechen, um die Erscheinung nicht zu vertreiben. Allerdings waren die Patienten bereits leicht senil. Für sie waren diese Erscheinungen Trostspender und Begleiter, sagte Shulman.

Lieber Max, so weit bin ich noch lange nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass es in allen Lebensphasen sehr wichtig ist, einen guten Freund zu haben. Obwohl es draußen schon hell wird, hoffe ich, noch etwas ruhigen Schlaf zu bekommen, um für dich da zu sein, wenn der Tag beginnt.

Das Syndrom ist die Theorie. Die Symptome sind die Praxis.

Lieber Max,

ich bin auf Alexander Romanowitsch Lurija gestoßen, einen Kollegen des russischen Psychologen Lev Vygotsky, auch bekannt als Lew Semjonowitsch Wygotski. Die beiden haben eng zusammengearbeitet. Wygotski hat Beiträge zur Theorie des Bewusstseins, zur Behindertenpädagogik, zum Verhältnis von Sprachentwicklung und Denken sowie zur allgemeinen Entwicklungspsychologie des Kindes geleistet. Lurija hat am Institut für Neurochirurgie in Moskau gearbeitet und begann dort, das Gebiet der Neuropsychologie zu erforschen.

Mit Lurija stoßen wir auf ein Problem, das auch dich betrifft: das Klippel-Feil-Syndrom. Lurija stellt der klassischen, defizitären Sichtweise von Syndromen als Ausfall oder Fehler eine neuropsychologische Theorie komplexer funktioneller Systeme entgegen. Dabei wird nicht angenommen, dass das Fehlen von Hirnfunktionen die Ursache für das Auftreten eines bestimmten Symptomkomplexes ist, sondern eine veränderte Form ihres Zusammenspiels. Dadurch wird es möglich, ein Syndrom nicht nur als Ausdruck eines Mangels, sondern auch als Ursprung von Überschüssen zu verstehen, wie der New Yorker Neuropsychologe Oliver Sacks in seinen Fallgeschichten zeigt.

Wenn wir den Faden weiterverfolgen, kommen wir zu dem Film »Zeit des Erwachens«, der auf Oliver Sacks‘ Fallgeschichten basiert. In diesem Film spielt Dexter Gordon, der Lieblingsmusiker deines Vaters, einen Patienten, der an der Europäischen Schlafkrankheit leidet.

Als du Dr. Bertold nach Möglichkeiten zur Behandlung des Klippel-Feil-Syndroms gefragt hast, antwortete er: »Das Syndrom ist die Theorie. Die Symptome sind die Praxis.« Erinnerst du dich noch? Für heute lasse ich es dabei, damit ich dich nicht überfordere.