Tetra- Polonaise mit Hund (Traum)

Ich wurde zu einem Kongress in einem Strandhotel an der Nordsee eingeladen, wo ich einen Vortrag halten sollte. Es war das erste Mal, dass ich »meinen« kleinen Hund auf eine längere Reise mitnahm.

Am Eingang des Tagungsraumes begrüßte uns ein Confrencier in einem samtroten Jackett, schwarzer Fliege und fettig zurückgekämmten schwarzen Haaren. Hinter ihm auf einem Podest stand eine Bergmannskapelle und ein Geiger. Er bat die Redner einzeln ans Mikrofon und fragte, worüber sie sprechen wollten. Einer nach dem anderen antwortete »Das habe ich vergessen.« – »Aber Sie haben doch Unterlagen für Ihren Vortrag?« – »Unterlagen? Was für Unterlagen? Nein, ich habe keine Unterlagen.« Die Gäste kicherten und klatschten, je länger die Liste der vergessenen Themen wurde. Ich war der Letzte. Mir ging es genauso. »Tut mir leid, ich habe keine Unterlagen und weiß auch nicht, was ich sagen soll.« Doch im Gegensatz zu meinen Vorrednern war es mir nicht peinlich. Ich ging schweigend zu meinem Platz zurück, während das Publikum johlte, klatschte und mit den Füßen aufstampfte.

Der Conférencier gab dem Geiger ein Zeichen, der stand auf und zupfte ein paar Takte auf seinem Instrument. Es schien, als könne er nicht spielen. Dann rief er: »Auf zur Polonaise!« Die Bergmannskapelle sprang auf und zog lärmend hinter ihm her durch den Saal und die Gänge zwischen den Tischen. Hinter ihnen kam eine Rollstuhltanzgruppe, gefolgt von den anderen Gäste. Alle Tische und Stühle waren inzwischen in die Mitte des Saales geschoben worden, um mehr Platz zu schaffen. Die Gäste umrundeten den Saal in immer schnellerem Tempo und grölten dabei immer lauter.

Nur ich saß noch auf meinem Stuhl an einem kleinen Tisch. Mein Hund hatte sich vor Angst darunter verkrochen. Eine Schwester vom »Roten Kreuz« schob mir einen Rollstuhl zu und forderte mich auf, mitzumachen. Ich lehnte ab, kauerte mich mit dem Hund unter den Tisch, schloss die Augen, hielt mir die Ohren zu und hoffte, dass die Welt um mich herum endlich verschwinden würde.

Ich wachte auf. Mein linker Arm vom Ellbogen abwärts taub, genauso wie mein linkes Bein vom Knie abwärts. Die Tetraparese raubte mir die Nachtruhe und fraß sich in meine Träume. #Traum nach dem Aufwachen nachgestellt. (Sigmund freud sich.)

Sigmund freud sich – Klappe 1

Unser großer Bruder verbrannte sich nach seinem Tod selbst, füllte seine Asche in die Urne und vergrub die Urne auch selbst, links neben dem Elisabethen Tor auf dem Schloss in Heidelberg. Ich war der einzige, der dabei war und und musste danach nur das Schäufelchen mitnehmen, mit dem er sich begraben hatte. Er wollte es so.

#Trauerbewältigung. #Traum nach dem Aufwachen nachgestellt. (Sigmund freud sich.)

Die Kolumne von Friederike Gräff vom Samstag, den 03.09.2022, schlägt auf die Träume durch.

»Gehen, das ist Sterben 2.0. Wer geht, kann umkehren. Wer geht, hat umfassende Kontrolle über den eigenen Körper. Nichts davon ist der Fall, wenn wir eines natürlichen Todes sterben. Tatsächlich ist Sterben ein Prozess, in dem unsere Kräfte schwinden. Kein Wunder, dass es da Unbehagen gibt in einer Gesellschaft, die Zeugung und Geburt, die andere große Unwägbarkeit, weitgehend unter Kontrolle gebracht hat.

Mit Nachdruck versucht eine Gesellschaft, die in Sonntagsreden eine Enttabuisierung des Todes fordert, ihn durch Verharmlosung unter Kontrolle zu bringen. Wie in den Pflegeheimen und Krankenhäusern tatsächlich gestorben wird und ob sich an der Trostlosigkeit, mit der es stattfindet, etwas ändern lässt, ist dann keine Frage. Wir sind mal eben gegangen, zum Ausklang, bei Grün. Und wenn es uns da nicht gefällt, kommen wir eben zurück.«

Quelle: https://taz.de/Ueber-Sprache-und-Sterbehilfe/!5876085/

Heute bin ich zum ersten Mal mit meiner neuen Hundemarke aus dem Haus; ungewohnt trage seit Jahrzehnten kein Halskettchen mehr …