Die Toten im Mai

Sonntag, 14.05.2023

Gestern, 13. Mai 2023, knapp einen Monat nach ihrem 69sten Geburtstag starb Sibylle Lewitscharoff. Ich mochte sie sehr. Ihre Bücher, Reden und Essays mag ich noch immer. So um die zehn stehen bei mir im Regal, fast alle von ihr in ihrer zarten Handschrift mit Füllfederhalter signiert.

2008 las sie in Mannheim bei »lesen.hören« aus »Consummatus«, einem meiner Lieblingsbücher von ihr. Das Motto des Literaturfestivals »lesen.hören« kann für diesen Abend getrost umgekehrt werden – erst hören, dann lesen. »Wenn die Literaturfähigkeit einer Gesellschaft erlischt, erlischt auch ihre Gedächtnisfähigkeit.« betonte Lewitscharoff gegen Ende des Gesprächs mit den Zuhörern. Dass dies nicht so schnell geschieht, dafür sorgten Lewitscharoff selbst, Hanns Zischler und auch die Veranstalter von »lesen.hören« an diesem Abend in beeindruckender Weise.

Zur Lesung in der Feuerwache am 6. März 2008 hatte sich Lewitscharoff Hanns Zischler als Partner auserkoren; ein Glücksgriff für den Abend und den Text. Sie selbst las die eher abstrakteren Passagen, während Zischler den Part Zimmermanns und die Rolle der Toten übernahm. Im ersten Teil des Abends überzeugten Zimmermanns Traumphasen, in denen der nächtliche Neckar zum Totenfluß wird und Andy Warhol im Nachen den Dilsberg umschifft sowie der Dialog mit der Geliebten. Der zweite Teil gehörte Zimmermanns Kindheit und den Eltern. Die Auswahl der Textpassagen erfolgte mit sicherem Gespür für die schönsten Passagen des Romans. Zischler erwies sich einmal mehr als kongenialer Vorleser und Schauspieler. Er brachte Lewitscharoffs multiperspektivische Erzählweise erst voll zur Geltung. Im gedruckten Text erscheint Zimmermanns Part und die reale Welt in normaler Schrift, während für die Stimmen der Toten ein abgesetztes, »elegantes Grau« gewählt wurde. Gegen Ende des Buches tauchen auch auf dem Papier immer dichter werdende Schneekristalle auf. Die typographische Gestaltung des Textes ergab sich nach Auskunft von Lewitscharoff durch Experimentieren schon während des Schreibprozesses.

Wie sehr bei Sibylle Lewitscharoff der Text und seine gestalterische Form zusammengehören, kann man schon an ihrem ersten Roman »Pong« erkennen, mit dem sie 1998 den Ingeborg Bachmann Preis gewann. Sie mochte das Buch besonders, nicht wegen des Preises, sondern weil es das einzige ihrer Bücher war, bei dem dem sie auch den Einband gestalten konnte.

In: Poesie und Stille: Schriftstellerinnen schreiben in Klöstern, Göttingen: Wallstein 2009 ist Sibylle Lewitscharoff mit Skizzen und Haikus vertreten. Sie schrieb im Kloster Isenhagen in Hankensbüttel im Landkreis Gifhorn.

Unbezähmbarer Husten
Stille
Brüchiger Sang alter Frauen
Abenddämmerung über den Waldspitzen
Dünne Musik
Aus einem Kofferradio

HERR, wohin sollen wir gehen.
Lös auf den Harngestank des wüsten Einerlei.
Was Metzger ausarbeite, arbeit ein.
Die kalten Panzerbauer zerleg,
mach ungeschehen, was geschehen, und fall
der toll gewordenen Luft in die Zügel.

Montag, 22.05.2023

Martin Amis starb am Freitag, den 19. Mai 12023, im Alter von 73 Jahren in seinem Haus in Lake Worth Beach, Florida. Er erlag den Folgen einer Speiseröhrenkrebserkrankung. Im New Yorker ein kurzer Nachruf von Salman Rushdie.

Früher sagte er, er wolle ein Regal mit Büchern hinterlassen,
um sagen zu können: »Von hier bis hier bin ich es«. Nun ist
seine Stimme verstummt. Seine Freunde werden ihn furchtbar vermissen. Aber wir haben das Regal.
»Only Martin Sounded Like Martin Amis« To read the late writer’s work was to behold his singular style. Salman Rushdie. New Yorker May 20, 2023

Erst am Freitag hatte die Verfilmung seines Romans The Zone of Interest beim Filmfestival von Cannes vor einem begeisterten Publikum Premiere gefeiert. Rudolf Höss ist Lagerkommandant des KZ Auschwitz. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Hedwig und den fünf gemeinsamen Kindern lebt er auf einem direkt an die Lagermauer angrenzendem Grundstück. Die junge Familie bewohnt dort ein zweistöckiges Haus mit großem Garten inklusive Gewächshaus und einem kleinen Swimmingpool. Der »Paradiesgarten« ist Hedwigs ganzer Stolz, den sie mit seinen Obstbäumen und Gemüsebeeten selbst angelegt hat. Auch genießt die Familie idyllische Picknicks mit Freunden am nahen Flussufer. Hedwig freut sich mit anderen Offiziersfrauen am Küchentisch über ihre unbezahlten jüdischen Hausmädchen. Auch erhält sie geplünderte Habseligkeiten wie einen neuen Pelzmantel und betitelt sich inoffiziell als »Königin von Auschwitz«. Rudolf besichtigt das KZ gerne zu Pferd. Auch betrügt er Hedwig in seinem Büro mit einer weiblichen Lagerinsassin.

Martin Amis in einem Gespräch mit DIE ZEIT im Dezember 2022

Christopher und ich waren mehr als 40 Jahre lang sehr eng befreundet. Wir haben eigentlich über alles gesprochen. Irgendwann fiel mir aber auf, dass wir nie über seinen bevorstehenden Krebstod sprachen. Später wurde mir klar, dass das an der Natur des Todes selbst lag – weil der nämlich nicht diskutiert.

Das bei Weitem beste letzte Wort stammt von Jane Austen. Auf die Frage, was sie brauche, sagte sie nur: »Nichts als den Tod!« Sehr poetisch, nicht? Der Punkt ist doch: Der Tod an sich inspiriert zu nichts und erfordert nur eins – Schweigen.

Zum Thema Autofiktion:

Amis: Befreiung von der Form? Die Autofiktion ist das Gegenteil: Sie ist eine Sklavin der Form! Die Hauptfigur beginnt ihre Erzählung mit ihrer Geburt und geht chronologisch auf den eigenen Tod zu. Das ist geradezu primitiv formal.

Warum trifft mich der Tod von Martin Amis? Warum trifft er mich so mit Wucht, dass ich gestern in einem Rutsch nochmal seinen Roman »Night Train« gelesen habe?

Donnerstag, 25.05.2023

Meine Lieblingsversion von »Night Train« ist von Jimmy Forrest aus dem Jahr 1951. Aber warum das Buch?

Das Buch ist 1997 erschienen. Im März 1997 hatte ich meinen ersten größeren Aussetzer wegen der Halswirbelsäule; die Symptome deuteten für eine Rettungssanitäterin und meinen damaligen Neurologen auf einen Schlaganfall hin. Es war Gott sei Dank keiner. Dr. Thomas R., ein enger Freund aus Grundschule und Gymnasium, diagnostizierte nach MRT des Kopfes »Basiläre Impression«. Eine basiläre Impression kann amyotrophe Lateralsklerose und einen Schlaganfall imitieren. Ich war ziemlich durch den Wind zu jener Zeit. Der Neurologe setzte mich auf Medikamente, die üblicherweise AIDS – Patienten im letzten Stadium ihrer Krankheit verabreicht werden. Ich nahm das Zeug sechs Wochen und war danach wieder in einer akzeptablen Verfassung. Der Neurologe schlug – falls sich meine desolaten Phasen häuften – eine Lithiumtherapie vor. Das Zeug würde mich dann aber ein Leben lang begleiten.

Da kam »Night Train« von Amis ins Spiel:

»Lithium … Ich nahm es in mich auf – dieses Lithium. In unserer Stadt, in Drogenhausen hier, kennt man sich als Polizei rasch aus in der Pharmazie. Lithium ist ein Leichtmetall mit kommerziellen Anwendungsmöglichkeiten bei Schmiermitteln, Legierungen, chemischen Reagenzien. Aber Lithiumkarbonat (eine Art Salz, glaube ich) ist ein Stimmungsstabilisator. Weg war der heitere Himmel. Weil Lithium bei der Behandlung von etwas verwendet wird, was ich mal (präzise und berechtigterweise) den Mike Tyson der psychischen Störungen habe nennen hören: von manisch-depressiven Zuständen.«

Night Train S.75

Die Psychologische Autopsie.

Der Suizid ist der Nachtzug, der dich in die Dunkelheit reißt. Sonst kommt man nicht mit solcher Geschwindigkeit dorthin, nicht auf natürlichem Wege. Man kauft sein Ticket und steigt ein. Das Ticket kostet alles, was du hast. Aber es ist nur einfach. Dieser Zug bringt dich in die Nacht und lässt dich dort. Der Nachtzug.

Night Train S.79

Und für mich damals sehr beunruhigend:

Selbstmord ist eine Männerkiste. Der Versuch ist ein Frauending, mehr als zweimal so wahrscheinlich wie bei Männern. Die Durchführung ist Männersache: mehr als zweimal so wahrscheinlich wie bei den Damen. Es gibt nur eine Tag im Jahr, wo es sicherer ist, ein Mann zu sein. Muttertag.

Night Train S.83

Ich lebe noch, ich habe auf Medikamente und Lithiumtherapie verzichtet; nur den Neurologen gewechselt – er gab seine Praxis eh auf. Das war glaube ich meine Rettung.

Martin Amis Tod durch Speiseröhrenkrebs berührt mich auch, weil ich im Januar 2014 eines Abends in der Notaufnahme des Krankenhauses landete. Wenige Tage später diagnostizierte ein Gastroenterologe eine heftige Speiseröhren- und Kehlkopfentzündung. »Klippel & Feil(e)« führten zu einem Zwerchfelldefekt, der nicht nur meine Atmung sondern auch die Magenklappe betrifft. Um dem Speiseröhrenkrebs ein Schnippchen zu schlagen, nehme ich seit Januar 2014 jeden Morgen nüchtern meine 20 mg Pantoprazol. Meine Ernährungsgewohnheiten habe ich umgestellt und vermeide alles, was verstärkt Magensäure produziert.